"Darunter auch Frauen und Kinder“ – Diese Phrase kennen wir aus den Nachrichten. Oft in Verbindung mit Kriegsmeldungen, Naturkatastrophen oder Anschlägen.
Was zusätzlich erwähnenswert ist, bringt in der Regel eine zusätzliche Bedeutung, einen zusätzlichen Sinn ins Spiel. Versuchen wir einmal das kollektive Weltwissen zu rekonstruieren, das nötig ist, um diese Floskel zu sagen und verstehen zu können.

Die besondere Erwähnung hebt hier ab, dass es auf besondere Art bedauernswert ist, wenn „auch Frauen und Kinder“ Schreckliches erleiden oder umkommen.
Damit sagt die Phrase andersherum ebenso, dass Männer auf jeden Fall betroffen waren. ‚Wie könnte es auch anders sein?‘ denkt sich unser geschultes Gehirn. Und weil es das denkt, denkt unser Gehirn weiter, dass dies weniger bedauernswert ist. (Darum wird es ja auch nicht extra erwähnt.) Es heißt nämlich nicht: „Es starben X Männer, Y Frauen und Z Kinder.“ Sondern es heißt: „Es starben X Menschen, darunter auch Frauen und Kinder.“

Warum machen wir das so? Warum ist unsere Welt so gerahmt? Ganz einfach. In dieser unscheinbaren Floskel steckt das Framing des Helden. Der Heldenmythos. Überspitzt gesagt:  Männlich ist es, aufopferungsvoll in Kriegen oder Katastrophen den Heldentod zu sterben, um Frauen und Kinder zu beschützen. Das Stärke-Schwäche-Framing ist klar verteilt. Stark ist der Mann, dessen Tod bereits mitgemeint und quasi als „Normalfall“ sprachlich einkalkuliert ist. Das besondere Mitleid ist jedoch mit den Schwachen.

Das bringt uns zum zweiten Punkt. Kinder sind in der Tat gefährdeter als Männer. Aber sollte das heute auch noch für Frauen gelten? Oder zementiert eine solche Floskel nicht in unseren Köpfen eine Historie, die es so nicht mehr gibt und die es auch nicht mehr geben sollte?

Mann darf nicht vergessen: Die sprachlichen Realitäten sind über Jahrhunderte gewachsen. In der Welt von gestern machte eine solche Floskel sogar recht viel Sinn. Überlebende Kinder konnten sich die Menschen in der Vergangenheit nur sehr schwer ohne überlebende Frauen vorstellen. Darum heißt es ja in der Seefahrt auch „Frauen und Kinder zuerst.“ (1) Es ging ums Überleben.

Aber wir alle – unsere Gesellschaft – hat sich mit der Zeit verändert. Wir entscheiden uns fast täglich mehr und mehr gegen eine Gesellschaft, die den männlichen Heldentod verehrt, und dessen Opfer betrauert. Wir können uns heute auch Brotverdiener:innen und Hausvorständ:innen vorstellen. (Übrigens nur andere Formen des Heldenmythos). Manche können sich sogar Patriarch:innen vorstellen. Unser Gehirn macht da bereits mit, unsere Sprache auch.

Was ist also eigentlich – und aus heutiger Sicht – gemeint, wenn es heißt „darunter auch Frauen und Kinder“? Es ist die Grausamkeit, dass Unbeteiligte zu Schaden gekommen sind. Und unter diesen Unbeteiligten waren auch Kinder.

PS: Übrigens führte die Floskel „Frauen und Kinder zuerst“ auf der sinkenden Titanic zu einer folgenschweren Alternativ-Interpretation. Darum wurden teils unterbesetzte Rettungsboote zu Wasser gelassen mit der Folge, das 74 % der Frauen und 52 % der Kinder gerettet wurden, aber nur 20 % der Männer. [1] Da sind sie wieder: Die Helden.

1: https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_und_Kinder_zuerst!


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Gepostet von Wortgucker am Freitag, 15. Januar 2021