Die Eskimos haben 100 verschiedene Wörter für Schnee.  Mit diesem Beispiel erklärte der 80er Jahre-Sprachwissenschaftler den wenigen Interessierten am Kaffeetisch gerne, dass die Wirklichkeit und die Wahrnehmung einen Einfluss auf die Sprache haben (und umgekehrt). (1) Wo der Eskimo viele verschiedene „Schnees“ wahrnimmt, sieht der oder die Deutsche nur Back-Schnee, Pulver-Schnee und Schnee-Matsch. Wir Deutschen sehen die Welt eben nicht durch die Schnee-Brille. Wir sehen die Welt durch die Auto-Brille. Darum heißt bei uns alles, wo etwas halbwegs ungehindert umherrasen kann „Autobahn“.

„Radschnellwege“ sind „Fahrradautobahnen“.

Schnelle digitale Netze nennen wir gern mal „Datenautobahn“.

Die Informationsflut durch die sozialen Medien und das Internet nennen einige „Informationsautobahn“.

Und „eine ökonomisch effiziente Stromübertragung über weite Strecken“ [2] heißt dann eben „Stromautobahn“. (Dort fahren also keine strombetriebenen Autos, wie wohlmeinende Gemüter ja auch mutmaßen könnten.)

Das ist auch alles gar nicht schlimm. Es zeigt nur, dass wir in Deutschland „schnelles und unverzögertes Ankommen“ nicht denken können, ohne aus dem Auto-Framing herauszukommen. Das Problem ist, dass wir dadurch eben auch im Auto-Framing regelrecht stecken bleiben. Also wie im Stau, sozusagen.

Und weil wir da festsitzen mit unseren gedanklichen SUVs auf unserer gedanklichen Autobahn am gedanklichen Stau-Ende, darum machen wir so komische Dinge. Darum beantworten wir im „Dannenröder Wald“ die Frage nach „Autobahn oder Wald?“ erneut mit Autobahn. Und offensichtlich wehren wir uns aus dem gleichen Grund gegen ´Strom-Autobahnen´ vor unseren Häusern: Wer will schon neben der Autobahn leben?

Vergessen wir doch einfach mal dieses Auto-Framing. Vielleicht ja im neuen Jahr?

Übrigens: Das Beispiel mit den Eskimos gilt heute (leider) als wissenschaftlich veraltet. Auch andere Sprachen haben viele Wörter für Schnee. Mit 421 Wörtern haben hier die Schotten die Nasen ziemlich weit vorn. (3) Auch wenn das Eskimo-Beispiel veraltet ist, der Zusammenhang zwischen Sprache, Wirklichkeit und Wahrnehmung ist real, wie ja unser Autobahn-Beispiel zeigt.

1: https://de.wikipedia.org/…/Eskimo-W%C3%B6rter_f%C3%BCr_Schn…
2: https://www.verivox.de/strom/themen/stromautobahn/
3: https://www.faz.net/…/schotten-haben-mehr-woerter-fuer-schn…


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Die Eskimos haben 100 verschiedene Wörter für Schnee. ⛄️❄️ Mit diesem Beispiel erklärte der 80er...

Gepostet von Wortgucker am Freitag, 25. Dezember 2020