Seinen Rücktritt verkündet der Ex-Innenminister Caffier in einer entlarvenden Presseerklärung [1]. Er legt damit ein Gesellenstück der Täter-Opfer-Umkehr vor. Wohlgemerkt kein Meisterstück, denn es bleibt durchschaubar.

Verfehlungen, wie der Waffenkauf bei einem Rechtsextremen und das vetternwirtschaftlich errichtete Ferienhaus in geschützter Ufer-Lage, führen bei ihm nicht etwa zu einem gerüttelt Maß an Selbstkritik und Läuterung. Stattdessen verbreitet das Ministerium eine vom Minister verfasste Litanei des Selbstmitleids, die auf einen Rundumschlag gegen die freie Presse hinausläuft.

Im Folgenden schauen wir einmal in die entsprechenden Passagen und bewerten diese.

So schreibt er: „Dieses Amt ist alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Kritik, Vorwürfe und Unterstellungen gehören zur Aufgabenbeschreibung. Einer muss den Dreck aufkehren. Das habe ich gemacht. Beifall gab es dafür selten.“

Nun gut, fair enough, er hätte sich mehr Anerkennung gewünscht. Trotzdem die Frage, warum er so einen miesen Job, dann 14 Jahre gemacht hat? Er legt hier die Schiene seines Opfermythos und schreibt weiter:

„Natürlich habe ich mir ein dickes Fell angeeignet. So schnell ließ ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Darauf konnten sich meine Mitarbeiter und mein Umfeld stets verlassen. Aber auch ich habe Grenzen.“

Dem Minister geht es also gar nicht mehr um die Kritik, die auszuräumen ja ein Leichtes wäre (und immer gewesen ist). Vielmehr baut er sich als schützendes Bollwerk vor seinen Mitarbeiter*innen auf. Die Frage bleibt. Wovor schützt er diese eigentlich? Die Kritik bezog sich schließlich nicht auf das Ministerium, sondern auf Caffier selbst. So eine rhetorische Geiselhaft zeugt nicht von Größe. Weiter geht’s:

„Die unsägliche Berichterstattung über mein Ferienhaus auf Usedom bleibt bis heute jeden Beweis schuldig, dass ich irgendetwas falsch gemacht habe. Jetzt werden schon mit offensichtlich viel krimineller Energie Unterlagen von mir, die dem Steuergeheimnis unterliegen, verbreitet. Das einzige Ziel ist: Schlagzeilen mit meinem Namen produzieren. Meine Familie litt und leidet ungemein unter diesen völlig haltlosen Vorwürfen und den Fotos von unserem Privatgrundstück. Schon vor zwei Jahren hatte ich das Gefühl, meine Familie mit einem Rückzug entlasten zu müssen.“

Caffier summiert seine schlechten Gefühle ob der „unsäglichen Berichterstattung“, was er jedoch schuldig bleibt, sind Belege seiner Unschuld. Stattdessen hat Caffier zu den Vorwürfen über sein Haus in den letzten Jahren vor allem eines getan: geschwiegen. Dass es sich dann komisch anfühlt in einem solchen Haus auch noch Ferien zu machen, das ist verständlich.

Man möchte meinen, die summierten schlechten Gefühle Caffiers, sein Eindruck ungerecht behandelt zu werden, seien in erster Linie Privatsache, auf deren Diskretion der Minister ja nachweislich besonders viel Wert legt. Wie mies man ihn als Minister behandelt, das jedoch kommt hier als offizielle Pressemeldung aus dem Ministerium. Wenn es um Aufklärung bei Waffenkäufen und Ferienhäusern geht, dann hört man hingegen nix von ihm. Es hätte ja die „unsägliche Berichterstattung“ gar nicht gebraucht, hätte der Minister - wie er im Übrigen selbst zugibt - zumindest bei dem Waffenkauf sich eher um Aufklärung bemüht.

„Jetzt erreichen die Vorwürfe jedoch eine ganz andere Dimension. Ich habe eine Waffe bei jemanden erworben, bei dem ich sie aus der heutigen Sicht nicht hätte erwerben dürfen. Aber: Nicht der Erwerb war ein Fehler, sondern mein Umgang damit. Dafür entschuldige ich mich.“

Genau, sein Umgang mit Kritik ist der Fehler. Darum gibt es Berichterstattung. So ist das in einer Demokratie und das ist auch ganz gut so. Sonst können nämlich Minister Häuser bauen wo sie wollen und Waffen bei Nazis kaufen. Und weiter geht’s:

„Es verletzt mich jedoch zutiefst und ist für mich eine extrem große Belastung, dass in der Berichterstattung irgendeine Nähe zu rechten Kreisen suggeriert wird. Ich kann diesen Vorwurf nur in aller Schärfe zurückweisen. Er ist schlicht absurd. Das Mediengeschäft ist jedoch erbarmungslos und leider allzu oft undifferenziert. Die Schlagzeilen haben sich in die Köpfe der Menschen eingebrannt.“

„Ich tue dies [seinen Rücktritt] auch, um meine Familie, mein Umfeld und meine Mitarbeiter zu schützen. Die letzten Tage waren für alle eine unerträgliche Belastung und ich kann es vor mir nicht verantworten, die Menschen, die sehr viel für mich geopfert haben, weiterhin dieser Belastung auszusetzen. Ich möchte darüber hinaus Schaden von der Regierung, von der Koalition und letztlich damit auch vom Land abwenden.

Ich habe angesichts der völlig enthemmten Berichterstattung in den letzten Tagen natürlich Kritik, aber auch unglaublich viel Zuspruch erhalten. Viele Menschen bestärkten mich weiterzumachen.“

Und als Leser ist man geneigt fortzusetzen „Aber ich habe durchgehalten.“ Von hier ist es dann nicht mehr weit zu Erich Mielkes berühmten „Ich liebe Euch doch alle.“

Fazit: Zurücktreten sollte man mit geradem Rücken.

Caffier gelingt dies nicht. Er stellt sich als ein zu Unrecht Angegriffener dar, dem es nur um den Schutz anderer geht. Die „enthemmte Berichterstattung“ des „erbarmungslosen Mediengeschäfts“ ist eine „unerträgliche Belastung“, die der Minister Caffier vor allem deshalb nicht mehr tragen kann, weil Familie, Umfeld und Mitarbeiter schwer darunter litten. All das sehr ausführlich eingearbeitet in eine offizielle Pressemitteilung, versendet aus dem Ministerium für Inneres und Europa Mecklenburg-Vorpommern.

Die sachdienliche Selbstkritik des Ministers hingegen erschöpft sich in dem kurzen Satz: „Nicht der Erwerb [der Waffe] war ein Fehler, sondern mein Umgang damit“.

1: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/amp/108531/4766187?__twitter_impression=true


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Seinen Rücktritt verkündet der Ex-Innenminister Caffier in einer entlarvenden Presseerklärung. Er legt damit ein...

Gepostet von Wortgucker am Freitag, 20. November 2020