Um Durchschnittsmenschen zu beschreiben, gebrauchen wir häufig Formulierungen wie „Otto-Normalverbraucher“, „Der kleine Mann“, oder „Max Mustermann“. Die Gemeinsamkeit dieser Durchschnittstypen: Es sind alles Typen, pardon Männer. Statistisch macht das natürlich keinen Sinn. Es spiegelt vielmehr eine überholte Sichtweise wider. Die Formulierung stammt aus der Zeit als Frauen vertrags- und staatsrechtlich passive Rollen bzw. gar keine Rollen zugeschrieben waren. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nur unsere Sprache hinkt noch etwas hinterher. Oder ist sie gar Ausdruck dessen, dass sich die Zeiten doch noch nicht geändert haben?

Denn die männlichen Muster sind weiterhin der sprachliche “Standard”. In den Medien wie auch in der Umgangssprache. Auch der englische Normalverbraucher war und ist weiterhin männlich. Den Otto-Normalverbraucher, Durchschnittsbürger oder Jedermann nennt DER ENGLÄNDER wahlweise  “Joe Public” , “Joe Sixpack”, ”John Smith” “Joe Bloggs”, “Joe Blow”. Der Normalmensch wird auch hier mit einem Männernamen gebildet. Das heißt, in allen Kontexten, in denen diese männlichen Formen auftreten, haben Frauen letztlich weniger Chancen mitgemeint zu sein.

Ich sehe bereits die kerzengeraden mahnenden Zeigefinger von ängstlichen Sprachbewahrern. So seien eben unsere Sprachgewohnheiten. Unsere Sprach-Traditionen. Bloß nicht die Sprache verpanschen. Daran haben wir uns schließlich gewöhnt...

Ja, das stimmt! Daran haben wir uns sogar sehr lange gewöhnt. Es ist ein ziemlich altes politisches Framing, um das es hier gerade geht. Das ist so alt, das steht schon in der Bibel. Standardfall: Adam. Kopie: Eva.

Die Auswirkungen dieses Framings spüren wir bis heute und zwar auch im richtigen Leben. In Wirklichkeit. Eine solche Wirklichkeit ist die Entwicklung von Medikamenten. Weil die Medizin sich hauptsächlich auf die Erforschung des männlichen Körpers konzentriert(e), blieb ziemlich lange unbekannt, dass ein Schlaganfall bei Frauen andere Symptome hervorrufen kann. Die Folge: Schlaganfälle blieben bei Frauen oft unentdeckt, mit fatalen Folgen. [1]
Also: Sich an eine Formulierung gewöhnt zu haben ist manchmal genau das passende Argument dafür, sich endlich umzugewöhnen. Auch wenn das dem Einen schwerer fallen wird, als der Anderen. Denn: Sprache schafft Orientierung.

PS: Für eine neutrale Formulierung sind verschiedene Ansätze denkbar. Man könnte beispielsweise den Vornamen einfach abkürzen, also statt “Otto Normal” hieße es dann “O. Normal”. Soll die Standard-Gedankenkette (also das Denken an einen Mann) wirklich unterbrochen, empfehlen sich Abkürzungen mit Buchstaben, mit denen Männernamen seltener beginnen wie beispielsweise das “I”. Der Durchschnittsmensch hieße dann z. B. “I. Normal”.

1: Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, 2020.


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Gepostet von Wortgucker am Mittwoch, 27. Januar 2021