Es ist ein Klassiker, um den wir uns heute kümmern. Aber dieser Klassiker steht exemplarisch für so ziemliche jede Debatte, in der es darum geht, sicherheitsrelevante Neuerungen in eine emotionale Thematik einzuführen. Stichworte: Impfen, Maskenpflicht, Maßnahmen gegen die Klimakrise und viele andere.

Veränderungen, selbst wenn sie lebensverlängernd sind, haben es nicht einfach. Sie nehmen uns eine (zumindest vorher gefühlte) Freiheit weg. Wenn das nicht reicht, gibt es Studien, die genau belegen, dass die Neuerung sogar gesundheitsschädlich ist.

Aber lesen wir einmal hinein in den Spiegel vom 8. Dezember 1975, dort klingt die Debatte um Sicherheitsgurte so:

“Dann schiebt sich die Beckengurtschlinge hoch und kerbt sich tief in die Weichteile des Unterleibs ein, rutscht oft noch höher bis zur unteren Brustkastenhälfte, und wenn sie sich dabei zusammenrollt, schneidet sie messerscharf ins Fleisch.”

“Der Schultergurt verschiebt sich vom härteren Brustbein zu weniger widerstandsfähigen Rippen - die denn auch bei Kollisionen mit Gurt häufig brechen.”

“Verletzungen durch Gurte, etwa Quetschungen an Hals, Brust und Schulter, werden erheblich verstärkt, wenn Insassen aus dem Fond auf die Vorderleute geschleudert werden und für zusätzliche Belastung sorgen.”

“Besonders böse endet es meist für die an Seitenholm und Boden angeschnallten Passagiere, wenn die Vordersitze aus der Halterung gerissen werden und das würgende Band auch diese Kräfte noch aufnehmen muß - was, wie die HUK-Untersuchung zeigt, in immerhin elf Prozent aller Fälle passiert.”

“Riskant auch das Gurten ohne Kopfstütze - die Bonn nach Ansicht vieler Fachleute gleich hätte mitverordnen sollen. Denn sie mildert den gefahrvollen Peitscheneffekt, durch den der Kopf bei Kollisionen vor und zurück geschleudert wird.”

Und wenn freilich niemand, wie es heißt, “Am Nutzen des Sicherheitsgurts (...) zweifel[t]”, der LEIBRIEMEN [löst] bei vielen tiefgründige Ängste aus - und wird deshalb nicht angelegt. Fraglich bleibt zudem: Soll und darf der liberale Staat die Auto-Bürger zum Überleben zwingen?”

Es ist ein Wunder, dass der Sicherheitsgurt, nicht auch noch “Arbeitsplätze” kostet und den “Wohlstand” gefährdet.

Das Sicherheitsgurt-Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass Alltagslogik ziemlich unlogisch ist und viel mit dem sogenannten politischen Framing zu tun hat. Denn, das, was Ihr oben gelesen habt über Sicherheitsgurte, das alles stimmt. Je schwerer der Unfall, umso höher auch die Verletzungen durch Gurte. Das Framing besteht darin, Ursache und Wirkung einfach auszutauschen. Nicht der Unfall führt zu Verletzungen, die durch den Gurt verringert werden. Das Augenmerk wird einfach auf die Verletzungen gelegt, die der Gurt bei einem (sozusagen zufällig daherkommenden) Unfall verursacht.

Die Spuren und Verletzungen von Sicherheitsgurten waren also 1975 kein Nebeneffekt des Überlebens bei einem Unfall, sondern sie standen auf der gleichen Stufe, wie der Unfall selbst. Mit diesem Fokus auf Gurtverletzungen lassen sich zwar wahre Studien zusammentragen, die aber letztlich auf dasselbe Framing einzahlen, jedoch mit der ihnen gegebenen wissenschaftlichen Autorität (auch ein Framing übrigens).

Zitat: “Wie nützlich Gurte sind, hängt beispielsweise vom Alter der Betroffenen ab. An der Universität Heidelberg ermittelte der Gerichtsmediziner Rainer Mattern, daß Gurtverletzungen vom 40. Lebensjahr an "häufiger und gefährlicher" auftreten als bei Jüngeren.”

“... nach einer Studie des Frankfurter Battelle-Instituts, gefertigt im Auftrag des Bonner Verkehrsministeriums, sind die Belastungen, denen ein mit Dreipunktgurt gesicherter Mensch bei einem Aufprall aus 50 Stundenkilometern ausgesetzt ist, schon "zu hoch": Durch Kopfbeschleunigung könnten "Schädigungen im Gehirn" auftreten.”

...

“Indizien dafür, daß der Gurt nicht nur Gutes an sich hat, liefert schließlich die Forschungsarbeit der Autobranche …”.

Naja, ich denke es reicht für heute an Zitaten.

Fazit: Die Umkehr von Ursache und Wirkung ist die Mutter der “Täter-Opfer-Umkehr”. Sie ist in allen Debatten beheimatet. Denken wir an die Fluchtkrise, denken wir an die Kohlekraftwerke und die Klimakrise, denken wir an die Corona-Schutzimpfung, an Pandemie-Schutzmasken, woran denkt Ihr?


Lest hier den Original-Spiegel Artikel vom 8. Dezember 1975: Sicherheitsgurte: Furcht vor der Fessel - DER SPIEGEL 50/1975


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Gepostet von Wortgucker am Freitag, 12. Februar 2021