"Rechte entzaubern" diese Wortfügung hat sich in den Sprachgebrauch eingeschlichen und kommt uns ziemlich normal vor. Sie wird ganz selbstverständlich gesagt, weil sie scheinbar das Richtige meint. Aber tut sie das wirklich?
In der Mythologie gibt es zwei Sorten des Zaubers. Guter Zauber bewirkt etwas Positives. Er hilft der Held:in oder erschafft Wunder. Böser Zauber verwandelt Held:innen in Steine, in Tiere, versetzt alle in hundertjährigen Schlaf (Dornröschen) und dergleichen mehr. Zauber kann heilen und Zauber kann krank machen.
Bei den Rechtsextremen und Nazis ist fraglos die böse Spielart der Zauber-Metapher wirksam. Hier wirkt der Böse Zauber. Sie sind mit einem bösen Zauber belegt. Und das ist der Knackpunkt. Der verzauberte Nazi, der zu entzaubern sei - das ist ein ziemlich verharmlosendes Framing. Es bettet den Rechtsextremismus nämlich in folgenden Rahmen ein:

1. Es entspricht genau dem Selbstbild vieler Rechter, das stark mythisch geprägt ist. Mit List und Zauberei trotzen sie im Untergrund der verwunschenen Gesellschaft. Mit dem Unterschied, dass Gut und Böse aus Sicht der Rechten vertauscht sind.
2. Wer von einem bösen Zauber besessen ist, der ist verzaubert WORDEN. Er oder sie hat sich also gar nicht selbst dazu entschieden. Er oder sie ist gar nicht verantwortlich. Die Zauber-Metapher entmündigt die Rechtsextremen. Das ist irre bequem für die Nazis. Sie sind einfach nicht mit den üblichen Mitteln zu fassen. (Siehe Selbstbild)
3. Es ist irre bequem für alle anderen. Was hilft schon gegen bösen Zauber? Zuhören und Reden? Nein. Ursachenforschung? Sicher nicht. Das einzige was hilft ist - so scheint es - das “Ent-zaubern der Rechten”. Sie sind einfach nicht mit den üblichen Mitteln … naja, das hatten wir ja schon, siehe Selbstbild.

Und hier liegt auch des Rätsels Lösung. Es ist eben einfacher für den Staat und uns alle, wenn wir Rechtsextremismus als “böse Magie” rahmen. Menschen haben schon immer jene Dinge, die sie nicht verstehen (oder verstehen wollen), mit Zauber-Metaphern greifbarer gemacht. Dass sich dieses Framing heute verbreitet und zu einer festen Fügung geworden ist, zeigt unsere eigene kollektive Unfähigkeit mit dem Thema umzugehen. Denn es ermöglicht uns Folgendes zu vergessen: Rechtsextremismus hat Ursachen in einer Gesellschaft. Diese sind vielfältig und sicher nicht einfach zu greifen. ABER: Diese Ursachen sind keine Zauberei.

Um Rechtsextremismus zu bekämpfen, sollte sich der Staat (und wir alle) an dessen Ursachen wagen, denn “jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben” (meinte zumindest Hermann Hesse).


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"Rechte entzaubern" 🧙🧙‍♀️ diese Wortfügung hat sich in den Sprachgebrauch eingeschlichen und kommt uns ziemlich normal...

Gepostet von Wortgucker am Freitag, 22. Januar 2021