Wenn das Existenzminimum zum Luxus deklariert wird
Warum rahmen Politiker das Bürgergeld oder Sozialausgaben als 'Prestigeobjekte'? Der Wortgucker analysiert das sprachliche Kopfkino hinter den Haushaltsdebatten.

Weil es derzeit wieder viel um „Lastenverteilung“ geht, ein Hinweis:
„Prestigeprojekte oder -objekte“ – so rahmen einige Politikschaffende mitunter staatliche Ausgaben, wenn es um das (ehemalige) Bürgergeld oder den Sozialhaushalt geht. Aber wer hier von „Prestige“ spricht, betreibt politisches Kopfkino.
Ursprung: Was bedeutet „Prestige“ eigentlich?
Das Wort Prestige kommt vom lateinischen praestigium und bedeutete ursprünglich „Illusion“ oder „Gauklerstreich“. Heute verstehen wir darunter Ansehen, Luxus oder Statussymbole. Ein teures Auto, eine Yacht. (Darum wird das Wort eigentlich im linkeren politischen Spektrum viel lieber gebraucht.)
Wenn jedoch Sozialausgaben als „Prestigeprojekte“ gebrandmarkt werden, entsteht der Eindruck als ginge es um Luxus und Prunk, den man sich in Krisenzeiten eben „sparen“ muss.
Framing im Bundestag: Ein Gauklerstreich mit System
Dabei verblasst die echte Bedeutungskomponente: Es geht um soziale Sicherheit. Es geht um das verfassungsmäßige Existenzminimum, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Auffangnetz für Menschen in Not. Das Existenzminimum ist kein „Gauklerstreich“ und kein Luxusgut.
„Auch die Grundrente war ein Prestigeobjekt von Herrn Heil.“
Ulrike Schielke-Ziesing (AfD), Deutscher Bundestag, 70. Sitzung, 24.11.2022
Sprache schafft Orientierung. Nennen wir es also so ehrlich, wie es ist: Es sind keine „Prestigeprojekte“, sondern Lebensgrundlagen.