Das unauffällige Wort “Schönheitschirurgie” scheint zu meinen, was es sagt. Aber stimmt das wirklich? Denn dass ein Schönheitschirurg nicht nur Schönheiten produziert, ist allen wohlbekannt.


“Schönheit” ist einerseits ein soziales Konstrukt. Was als “schön” gilt, ist von Ort zu Ort, von Land zu Land, von Gruppe zu Gruppe verschieden.
Aber Schönheit liegt ebenso im Auge der individuellen Betrachter:in. Das heißt, was als schön empfunden wird, ist sogar von Mensch zu Mensch verschieden.
Dennoch ist Schönheit immer auf das Soziale angewiesen. Ohne Publikum ist Schönheit kaum definierbar und womöglich kaum wahrnehmbar. Schönheit ist also ein “Wollen”, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Anderen.
Das ist ein ziemlich hartes Spannungsfeld zwischen der Gruppe und dem Individuum. Und in diesem Spannungsfeld entsteht Druck. Dieser Druck wirkt vor allem auf junge Menschen, die ihren gesellschaftlichen Platz noch nicht gefunden haben.

Das Wort “Schönheitschirurgie” verstärkt diesen Druck, denn es ist kein neutrales Wort. Es ist vielmehr ein Werbebegriff für jene Chirurgen, die das Erscheinungsbild von Körpern operativ verändern können. Folgendes Framing wird ausgelöst:
Das Wort sagt zum ersten “Schönheit ist ‘machbar!’”. Das Wort ist weiterhin ein Etikett auf einer Schublade, voll mit ziemlich abgedroschenen (sozialen) Schönheitsidealen. (Ich erspare mir eine Aufzählung.) Damit sagt das Wort zum zweiten “Du bist nicht schön!”. (Aber das ist ja zum Glück änderbar.)

Parallel verharmlost das Wort geschickt die “Konsequenzen” chirurgischer Eingriffe dieser Art, indem es sie in die Liste nötiger “Nebenwirkungen” rahmt. Denn der Chirurg oder die Chirurgin ist ‘Arzt’ und über Ärzt:innen sagt das kollektive Weltwissen, dass sie dem Menschen helfen, ihn heilen. Damit wird “Schönheit” zur “Gesundheit” und - was letztlich schlimmer ist - sogenannte körperliche Makel werden implizit als “Krankheit” gerahmt. Da erträgt der Mensch die OP und deren schmerzhafte und teils anhaltende Konsequenzen dann ganz selbstverständlich als notwendige Nebenwirkungen. Hauptsache geheilt, äh schöner.  Dass uns Menschen diese Sichtweise nicht ganz neu ist, sagt uns der alte Sinnspruch “Wer schön sein will, muss leiden.”.


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Gepostet von Wortgucker am Freitag, 29. Januar 2021