Medien-Wortwahl im Konflikt USA - Venezuela
Medien müssen sich immer die Frage stellen, ob ihre Wiedergabe der Realität ausreichend neutral ist oder ob sie die eine oder andere Partei sprachlich bevorzugen, indem sie deren Begriffe undistanziert verwenden und weiterverbreiten. Für das heutige Beispiel ist das nicht einfach zu entscheiden, denn das Wort, um das es geht, ist nicht so einfach als Fahnenwort einer bestimmten Partei zu erkennen. Und doch klingt das von den Medien am meisten gebrauchte Wort für die US-Entführung des venezuelischen Präsidenten Maduro nicht ausreichend neutral.
Im medialen Sprachgebrauch ist medienübergreifend in den Headlines von der „US-Intervention“ in Venezuela die Rede.

Intervenieren ist ein Lehnwort aus dem Französischen und macht im 17. Jh. zu uns rüber. Intervenir kommt seinerseits vom lateinischen intervenīre, im Sinne von ‘dazwischen-, dazukommen, hindernd oder vermittelnd eingreifen, für jmdn. eintreten’.
Im Deutschen hat das Wort heute vor allem drei Gebrauchsweisen:
- Bildungssprachlich: in ein Geschehen, einen Streit (als Vermittler) eingreifen. Interventionen im pädagogischen, therapeutischen, künstlerischen Bereich als störende, wirksame oder aufsehenerregende Praktiken des unkonventionellen Eingreifens. Damit sollen Einsichten gefördert und Veränderungen ermöglicht werden.
- Politisch A: sich protestierend in Etwas einmischen, gewaltfrei.
- Politisch B: als militärischer und kriegerischer Übergriff.
Die drei Gebrauchsweisen gehen zwar auf eine gemeinsame Herkunft zurück, sie unterscheiden sich aber deutlich. Bei solchen mehrdeutigen Wörtern liefert in der Regel der Kontext die nötigen Informationen, um zu erkennen, in welcher Gebrauchsweise das Wort nun wirksam ist. Das ist jedoch nicht immer möglich. Vor allem, wenn der Kontext selbst noch gar nicht entschieden ist. Und das trifft im Besonderen auf Konflikte zu.
Sprachlich ist es jetzt schwierig für Medien, die richtige Wortwahl zu treffen, einfach weil Intervention ein Wort mit verschiedenen Gebrauchsweisen in unterschiedlichen Kontexten ist. Jedoch stünden andere Begriffe zur Wahl, um die Sachlage pointierter aber auch korrekter zu beschreiben. Jeder kann nun selbst testen: Welches Wort klänge in meinen Ohren am treffendsten für das, was die USA in Venezuela getan haben? Entführung, Kidnapping, Übergriff, Angriff, Intervention, Regime Change …
Der Interventionsbegriff ist aus meiner Sicht weniger geeignet, um das Geschehen zu beschreiben, weil die Gewalttätigkeit des Übergriffs darin verloren geht. Ebenso wird das Problem zu dessen Lösung der Übergriff vonnöten ist, bereits als akzeptiert vorausgesetzt wird. Interventionen sollen schließlich Probleme lösen.
Es ist Aufgabe der Medien, die Begriffe auf solche Ungleichgewichte hin zu prüfen. Sonst könnten sie sich den Vorwurf einhandeln, mit zweierlei Maß zu messen. Und das lässt bei einigen Menschen das Vertrauen in die Medien sinken.
Warum die Medien das machen? Es ist womöglich eine Mischung verschiedener Faktoren: Taucht die Gebrauchsweise als „militärische Intervention“ bei Leitmedien und Agenturen auf, pflanzt sie sich logischerweise fort. Aber es gibt auch ein positives Bias westlicher Medien über die USA als „Weltpolizei“. Ein Indiz für das Bias ist, dass es in diesem Fall kaum Medien-Debatten über die Korrektheit der genutzten Begriffe gab. Trump gebrauchte übrigens während der nachträglichen Pressekonferenz den Begriff „military operation“ (vgl. Putins „Militärische Spezialoperation“). Das US-Kriegsministerium sprach von der „Extraktion“ Maduros. Die Entfernung eines unrechtmäßig an die Macht gelangten, diktatorisch regierenden Präsidenten ist natürlich in (unserem) westlichen Sinne. Und natürlich hat das Auswirkungen darauf, wie wir die Sache sehen und wie wir darüber sprechen. Aber unsere Medien sollten trotzdem versuchen, die Gewalt in den Handlungen der USA sprachlich ausreichend sichtbar zu machen.
Quellen: Deutsches Universalwörterbuch, 2006, Duden Verlag & www.dwds.de